Bei Frauen denken Ärzte seltener an eine Erkrankung des Herzens (Foto: DAK)
> Herzerkrankungen bei Frauen: Werden seltener erkannt

Ärzte lassen sich bei der Diagnose von
Herzkrankheiten unbewusst vom Alter und vom Geschlecht ihrer Patienten
beeinflussen. Bei Frauen und jüngeren Menschen wird die Erkrankung
seltener erkannt, auch wenn die Beschwerden die gleichen sind wie bei
Männern oder älteren Menschen.



In der für Deutschland bisher einzigartigen Studie führte der
Medizinsoziologe Markus Bönte vom Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf Hausärzten kurze Filme vor. Dort mimten Schauspieler
einen Patienten oder eine Patientin mit einer Koronaren Herzkrankheit
(KHK), der Vorstufe zum Herzinfarkt. Die Schauspieler berichteten von
den typischen Druckgefühlen im Brustbereich, die nach dem Essen und
nach Belastungen schlimmer werden und sich in Ruhe wieder abschwächen.
Sie schilderten glaubhaft Schmerzen zwischen den Schulterblättern und
erwähnten einen seit Jahren bestehenden hohen Blutdruck, der ein
wichtiger Risikofaktor ist.




Das Drehbuch war in allen Filmen gleich. Nur Alter und Geschlecht der
Schauspieler variierten, ebenso die soziale Stellung. Der Beruf der
Patienten wurde im Film kurz eingeblendet. Anschließend erkundigte sich
Bönte per Fragebogen nach der Verdachtsdiagnose der Ärzte. Welche
weiteren Fragen würden sie stellen, wie die Patienten beraten, welche
Medikamente verschreiben?




Der Beruf der Patienten hatte keinen Einfluss auf die Einschätzung der
Ärzte, wohl aber Geschlecht und Alter. Bönte: Frauen wurden seltener
nach gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen wie Rauchen befragt, die
Ärzte vermuteten seltener eine KHK, und sie wurden seltener zu einem
Spezialisten überwiesen als Männer. Bei jüngeren Patienten stellten die
Ärzte häufiger Fragen zur Krankengeschichte und zum Rauchen, aber
seltener Fragen zu Schmerzen als bei älteren. Die KHK wurde bei der
älteren Patientengruppe häufiger erkannt, und es wurden auch häufiger
die richtigen Medikamente verschrieben.




Dieses Mal handelt es sich nicht um eine deutsche Eigenart. Bönte hat
nur wiederholt, was in früheren Studien im englischsprachigen Raum
bereits aufgefallen war. Ärzte neigen, wie andere Menschen auch, zu
stereotypem Denken, sagt der Medizinsoziologe. Sie wissen, dass die KHK
bei jüngeren Menschen und vor allem bei Frauen vor den Wechseljahren
seltener ist. Wenn sie dann aber doch einmal einen jüngeren Patienten
oder eine Frau mit KHK vor sich haben, erkennen sie die Krankheit oft
nicht gleich.




WANC 12.11.07 Quelle: M. Bönte et al.: d
Patientengeschlecht auf ärztliche Entscheidungen bei koronarer
Herzkrankheit.
S. 2251-2255

 
 
 
 
 
 
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